Die Technik

2. Teil

Eine Hälfte der Zeit, die der/die Meditierende bestimmt, fällt auf den ersten Teil und die andere Hälfte auf den zweiten Teil der Meditation. Es kommt nicht darauf an, ob dieser etwas länger oder kürzer ist.
Im zweiten Teil der Meditation bemüht sich der Mensch, daß seine Vernunft und sein Verstand frei von jeglichem Inhalt sind, völlig ruhig und klar. Das Bewußtsein sollte im zweiten Teil der Meditation wie ein Spiegel sein. Gleichgültig, welchen Gegenstand man vor einen Spiegel stellt, er reflektiert diesen vollkommen, und dennoch ändert er sich selbst dabei kein bißchen. So registriert auch das Bewußtsein des Menschen über die Sinnesorgane verschiedene Impulse, die aus der Umgebung kommen, und es nimmt auch jene Impulse wahr, die aus dem Inneren kommen (Atmung, Blutkreislauf, Arbeit der Verdauungsorgane, Gedanken usw.), und dennoch bleibt das Bewußtsein des Menschen völlig rein und unverändert - wie ein Spiegel. Solange vor dem Spiegel des Bewußtseins die Impulse anhalten, solange reflektiert er sie auch. Sobald hingegen die Impulse aufhören, ist das Bewußtsein wieder vollkommen rein, d.h. der Mensch wird nicht, wie man es gewöhnlich tut, über die Impulse, die zu ihm aus der Umgegbung kommen, nachdenken (aber er wird sie registrieren).
Im zweiten Teil ist also Bewußtheit verlangt, Wachheit, Geistesgegenwart sowie Abwesenheit irgendeiner gedanklichen oder emotionalen Aktivität. Der/die Meditierende soll wie eine Katze oder wie eine sich sonnende Schlange sein. Sie ist völlig entspannt. Der Mensch würde sagen, sie "schläft" oder gar "sie ist tot". Und doch, versucht jemand, sich ihr zu nähern, würde sie blitzartig reagieren. So muß auch der/die Meditierende in der Lage sein, aus der tiefsten Meditation im gleichen Augenblick, wenn das notwendig wäre oder er/sie das lediglich wünschen würde, mit der größtmöglichen Schnelligkeit aufzuspringen und zum Beispiel 100-200 Meter zu rennen und dabei keinerlei Schaden zu nehmen. Wenn man dies aus dem Schlaf heraus tun würde oder aus einem gewöhlichen Zustand passiver Entspanntheit oder aus irgendeiner der klassischen Meditationsarten, könnte einem gefährlich übel werden, man könnte sogar Hirnblutungen bekommen. Aber wenn man die "aktive" Entspanntheit übt (Beispiel der Katze und Schlange), wird es zu keinerlei Störung kommen. Hierin unterscheidet sich diese Technik von allen anderen Meditationsarten, die bisher in Büchern über Meditation beschrieben wurden. Nicht nur, daß sie dem Menschen sein inneres Wesen enthüllt, sie befähigt ihn auch maximal, in jeder, auch der überraschendsten Lebenssituation schnell und richtig zu reagieren. Natürlich ist dafür eine gewisse Zeit und Bemühung notwendig, viel hängt auch davon ab, mit welchen natürlichen Voraussetzungen jemand die Arbeit an der eigenen Vervollkommnung und Veredelung begonnen hat.
Im zweiten Teil der Meditation verwendet man auch das individuelle Mantra (Lautkombination, mittels derer die spirituelle Erweckung des Menschen beschleunigt wird), das man vom Lehrer während der Initiation erhält. Das Mantra wendet man in den folgenden drei Fällen an:
•  wenn man während der Meditation Schläfrigkeit verspürt,
•  wenn man Mattigkeit verspürt oder in eine depressive Stimmung fällt,
•  wenn es nicht gelingt, die Gedanken und Gefühle mit einfacher Willensanstrengung anzuhalten.
Das Mantra weckt auf, bringt Lebensenergie und beruhigt die Gedanken und Gefühle. Alle bekannten Meditationstechniken in der Welt, bei denen ein Mantra verwendet wird, sind sogenannte "Monoton"-Techniken, d.h. das Mantra wird monoton, einförmig, ohne ein wesentlicheres Gefühls- und Willensengagement wiederholt. Die hier dargestellte Technik unterscheidet sich auch dadurch wesentlich von allen anderen bis heute bekannten. Hier verschmilzt der Mensch mit dem Mantra. Die ganze Seele ergießt sich in den Klang, verwandelt sich in Musik. Das Mantra wird in dem Rhythmus, der spontan kommt und mit der Melodie, die aus der Tiefe des Wesens von selbst immer wieder auftaucht, wiederholt. Auf diese Weise wird die Effektivität der Technik (sofern sie richtig ausgeführt wird) beim Beseitigen von Streß mehrfach erhöht. Das eine Mal wird es kraftvoll und energisch sein wie das Stampfen von Schritten oder das Schlagen eines Hammers, und ein anderes Mal wird es eine wunderbare Melodie sein. Das eine Mal wird es angenehm sein, das Mantra nur ein- bis zweimal in zehn Minuten zu wiederholen und ein anderes Mal wird es in einer Minute unzählige Male wiederholt werden. Das Wiederholen muß spontan sein - nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Das Mantra kann man auch singen (im Inneren).

Das Mantra verwendet man nur während des zweiten Teils der Meditation. Besonders wird empfohlen, das Mantra niemals und niemandem zu sagen (außer dem/der Meister/in), auch dann nicht, wenn jemand mit den Meditationsübungen ganz aufhört.

 

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